In den Schlaf weinen lassen – Die Gewinnerfrage aus der letzten Verlosungsaktion

Lange hat es gedauert, aber nun hatte ich endlich Zeit und Muße, die Gewinnerin des Gewinnspiels zu ziehen. Eingegangen sind 23 Fragen aus verschiedenen Bereichen. Leider kam ich noch nicht dazu, allen zu antworten. Bitte habt noch ein wenig Geduld, mir rennt gerade die Zeit nur so davon. (Ihr kennt das….)

Aus allen Einsendungen hat sich der Zufallsgenerator für die Nummer 5 entschieden. Herzlichen Glückwunsch! Ich habe die Gewinnerin bereits per Mail benachrichtigt.

Ich möchte euch natürlich ihre Frage nicht vorenthalten, denn ich denke, die ist für mehrere Leser von Interesse:

Hallo,
noch bin ich relativ uninformiert, weiß jedoch, dass ich keine Mutter sein wollte, die ihr Kind schreien lässt und auf jedes Bedürfnis meines Kleinen, gerade im ersten Lebensjahr, eingehen wollte. Nun ist mein Sohn 5 1/2 Monate alt und ich merke wie mir alle Welt reinredet und mich verunsichert.
Wir sind in der Physiotherapie (Bobath), ich halte die Dame dort auch für sehr geschult und kompetent, dennoch rät sie mir aufgrund von motorischer Unruhe und einem „Problem, Nähe auszuhalten“ dazu, meinen kleinen ganz fest in einer Position zu halten die ihm mißfällt, während er dabei brüllt wie am Spieß, rot anläuft, Schweiß und Tränen laufen…sie sagt es ist ganz wichtig für ihn, weil er diese Nähe braucht und aushalten muss. Auch beim Thema Schlafengehen sagt sie: Nicht wie immer in den Schlaf stillen, davon käme sein Schlafproblem (er kommt mindestens jede Stunde) sonder ausharren, Po und Kopf runter drücken, schreien lassen. Trotzdem ich das nicht wollte habe ich es einmal probiert, ich fühlte mich so gezwungen, heute habe ich auch das Halten probiert und nun sitze ich hier, weinend und fühle mich als würde mein Kind mich morgen hassen und als hätte ich ihn unsäglich gequält. Papa hat ihm nun doch wieder in den Schlaf gesungen. Abschließend haben wir beschlossen, wir müssen eine Linie fahren und unserer Grundeinstellung treu bleiben.

Meine Frage: Ignoriere ich also einfach, was die „Fachfrau“ sagt, wenn ja, was sagt das Buch bezüglich Ein- und Durchschlafen? Natürlich möchte ich auch nicht mehr jede Nacht stündlich, manchmal alle 10 Minuten geweckt werden.
Ich möchte aber auch – seien es nur ein paar Tage des „Durchhaltens“ – mein Kind nicht in irgendeiner Form brüllen lassen! Dann trage ich es eben herum und stille die ganze Nacht…aber die Kräfte schwinden…HILFE!
LG Anne

Weinen lassen

Es ist natürlich immer schwer, wenn jemand „vom Fach“ irgendeinen Rat gibt. Natürlich fühlt man sich dann als Mutter oder Vater verunsichert. Ihr wollt das Beste für euer Kind, könnt aber nicht auf irgendwelche Erfahrungen zurückgreifen und dann verunsichert einen umso mehr, wenn jemand Ratschläge erteilt. Und wenn es eben dann noch jemand „vom Fach“ zu sein scheint, verunsichert das doppelt. Ich kann aber auch verstehen, dass deine Kräfte am Ende sind, wenn dein Kind dich mindestens stündlich weckt.

Der beste Rat, den ich bekommen habe, als meine Kinder noch klein waren, war folgender: DU bist die Expertin für dein Kind! Niemand auf der ganzen Welt verbringt mehr Zeit mit deinem Kind als du selber. Daher kennst auch du es am besten und kannst einschätzen, was es mag, was es braucht, was ihm gut tut und so weiter.

Ich kenne mich nicht aus mit Physiotherapie und ich kann und werde sicherlich niemandem sagen, er soll nicht auf ärztlichen Rat hören. Du selber weißt am besten, wie es sich anfühlt, wenn du dein Kind schreien lässt und zu etwas zwingst. Weinen lassen fühlt sich für mich persönlich immer sonderbar an – erst recht bei einem so kleinen Kind wie deinem. Wie fühlst du dich dabei? Horch in dich rein und beobachte, was es mit dir und mit deinem Kind macht. Die Therapeutin sagt, dein Sohn hat ein Problem damit, „Nähe auszuhalten“. Ich persönlich kann mir kaum vorstellen, dass ein Baby keine Nähe haben möchte. Klar, es gibt schmusigere und weniger schmusige Kinder, aber Nähe brauchen sie doch alle.

Ich kann mir auch nur sehr schwer vorstellen, dass es einem Kind gut tut, zu Nähe gezwungen zu werden, wenn es diese nicht möchte. Es fühlt sich nicht richtig an, wenn ich da in mich selber hineinhöre. Wer weiß schon, was es mit deinem Kind macht, wenn du ihm jetzt gegen seinen Willen Nähe aufzwingst, die er so nicht haben möchte? Würdest du es wollen, wenn dein Partner dich in einer Stellung hält, die dir nicht gut tut und dich da nicht weglässt, sondern festhält, bis du dich „ergibst“? Würde das eurer Beziehung gut tun?

Auch das Thema mit der Einschlafbegleitung sehe ich ähnlich. Schreien lassen und Po und Kopf runterdrücken empfinde ich persönlich als so wenig liebevoll, dass ich es nicht machen wollen würde. Wie würdest du dich fühlen, machte dein Partner das mit dir? Was würde das mit eurer Beziehung machen?

Ich würde an deiner Stelle vermutlich mit der Physiotherapeutin reden und ihr sagen, wie es sich für dich anfühlt, dein Kind so schreien zu lassen und so zu zwingen. Ich persönlich könnte meine Kinder so nicht behandeln und das würde ich auch jedem Arzt klipp und klar sagen. (Natürlich gibt es Situationen, in denen es anders nicht geht, bei euch denke ich aber nicht, dass es nicht einen anderen Weg gibt.)

Vielleicht hilft euch auch ein anderes Schlafarrangement? Wie schlaft ihr denn im Moment? Vielleicht kann dein Sohn im Familienbett nur unruhig schlafen, auch das gibt es. AP bedeutet ja nicht, dass man das Kind mit ins Familienbett nehmen muss. AP heißt immer, eine für alle Familienmitglieder passende Schlafsituation zu schaffen. Schlaft ihr derzeit im Familienbett, kann es durchaus sein, dass es deinem Sohn zu unruhig ist und er deshalb so oft aufwacht. Versuche doch mal, ihn probehalber auf eine kleine Matratze neben deinem Bett zu legen oder sogar auf eine Matratze in einem anderen Raum – vielleicht schläft er so ja ruhiger und ihr alle habt damit ruhigere Nächte?

Wie äußert sich denn das, was die Physiotherapeutin als „Problem, Nähe auszuhalten“ bezeichnet hat? Kann dein Sohn Berührungen gar nicht ertragen? Kuschelt er einfach nicht gerne? Ich hatte übrigens das genaue Gegenteil bei meiner Tochter: Sie konnte es nicht aushalten, wenn sie keinen Körperkontakt mit jemandem hatte. Auch das war nicht einfach und ich hätte mir damals sehr gewünscht, mein Kind mal ein paar Minuten ablegen zu können, nur um endlich mal wieder in die Dusche zu hüpfen. Kinder sind nun mal verschieden, so wie alle anderen Menschen auch…

Nutze tagsüber die Schlafenszeiten deines Kindes, um auch selber ein wenig Schlaf nachzuholen. Lass den Haushalt einfach Haushalt sein, der läuft nicht weg. Was nützt es deinem Kind, in einem superpiekfeinen Haushalt zu leben, wenn seine Mutter dafür nicht ausgeruht ist? Versuche, jeden Tag eine winzige Kleinigkeit nur für dich zu machen. Leg dich ein halbes Stündchen in die Badewanne, wenn dein Kind mit dem Papa spielt. Oder geh joggen, spazieren, in den Wald (die Ruhe genießen), mit einer Freundin einen schnellen Kaffee trinken… Das alles hilft dir, wieder zu Kräften zu kommen und dich nicht mehr von deinem Kind und deiner Mutterrolle so ausgelaugt zu fühhlen.

Im Allgemeinen lautet mein Rat wie so oft, mehr auf sich selbst und das eigene Bauchgefühl zu hören. Ich glaube, in keiner ursprünglicheren Kultur, in der die Menschen noch näher an der Natur dran sind als bei uns, würde es jemand in Betracht ziehen, sein Kind in einer Position festzuhalten, in der es schreien würde wie am Spieß. Und ich glaube auch nicht, dass ein Kind sich dort in den Schlaf weinen müsste und dabei von seiner Betreuungsperson Po und Kopf runtergedrückt bekäme. Und auch wenn es schwer ist: Lass dich nicht verunsichern! Lass dir nicht reinreden! Du bist die Expertin für dein Kind!

Zu guter Letzt möchte ich noch auf meinen Podcast zum Thema „Weinen lassen“ hinweisen, in dem ich mit Julia Dibbern (der Autorin von „Geborgene Babys“ und „Geborgenheit„) über genau dieses Thema rede.

Ich bin gespannt, was andere zu dieser Situation für Ratschläge haben. Hat jemand noch Ideen und Anmerkungen? Die Kommentare sind offen, teilt mir und der Fragestellerin Anne gerne eure Gedanken mit…

 

Veröffentlicht von Bianka

Bianka Bensch, 38 Jahre alt, schreibt als leidenschaftliche Bloggerin neben Attachment Parenting unter anderem einen privaten Blog und den Firmenblog eines Auftraggebers. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten draussen in der Natur mit ihren drei Kindern und ihrem Hund.

2 Kommentare

  1. Dieser Artikel ist zwar schon alt aber ich habe ihn gerade entdeckt und bin auch entsetzt über das was dieser Mutter von einer Physiotherapeutin geraten wurde!
    Zu dem stündlichen Wachwerden kann ich aus eigener Erfahrung sagen dass dies Phasen sind und sich das wieder ändert! (Siehe zB das Buch Oje ich wachse)
    Leider wird in der Frage nicht deutlich, was genau das Problem ist, aber ich würde sofort auch so etwas wie das KISS Symptom in Erwägung ziehen!
    Meine Tochter wollte auch eine zeitlang nicht im Arm gestillt werden, was wirklich anstrengend war, Vorallem wenn man nicht Zuhause war. Ich habe sie dann halt immer im Liegen gestillt. Oder in der Trage, was ich sehr lange gemacht habe. Ich war mit ihr beim Osteopathen aber alles war in Ordnung. Und irgendwann ging das Stillen auch wieder im Arm!
    Es ist wirklich wichtig auf sein eigenes Gefühl zu hören. Und nicht bei allem was nicht „der Norm“ zu entsprechen scheint zu denken das etwas nicht in Ordnung ist.

  2. Ich bin, gelinde gesagt etwas entsetzt, dass eine „Fachfrau“ zu solchen Methoden tendiert… Ein kleines Baby, vielleicht einfach nur erschöpft durch die vielen Eindrücke des Tages und die große bunte Welt weint halt auch mal am Ende des Tages. Auch unsere Kleine (13 Wochen) tut dies hin und wieder und ich versuche mir dabei immer wieder vor Augen zu führen, wie ich mich nach einem ganzen Tag in Tokyo gefühlt habe, als ich abends endlich ins ruhige Hotelzimmer kam. Die Ruhe kann dann ebenfalls fast erschlagend sein, weil das nachhallende Brummen im Kopf dann so laut ist. Wo, wie oder bei wem fühlt man sich dann geborgen? Ich nehme an, bei einem sehr nahestehenden Menschen. Und wir können diese Abfolgen aus unserem Intellekt ja inzwischen ganz anders absorbieren und trinken vielleicht zur Beruhigung ein Glas Rotwein oder gehen Joggen. So ein kleines Wesen hingegen agiert doch nur nach Instinkten. Es schreien zu lassen oder gar niederzudrücken erscheint mir da wie ein weiterer Akt der totalen Überforderung. Obschon ich absolut nachvollziehen kann, dass man als Mami komplett ausgelaugt ist. Ich hatte auch immer wieder solche Momente. manchmal half einfach nur eine ausgiebige Dusche, während mein Mann sich unserer Tochter annahm. Liebe und Fürsorge (auch im Sinne von Halten, Tragen oder nur Streicheln, an die Brust nehmen etc) – auch wenn sie manchmal länger benötigt, um zu beruhigen – bleibt meines Erachtens der wichtigste Weg… Und das Baby wird nach und nach Vertrauen schöpfen, dass es von Mama (und auch Papa) nur Gutes erwarten und sich auf sie verlassen darf. Beste Grüße.

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