Ich bin keine Supermama!

Auch wenn es hier manchmal den Eindruck vermittelt, aber auch bei uns läuft nicht immer alles so rund, wie ich es mir gerne wünschen würde. Heute plaudere ich mal ganz tief und ganz persönlich aus dem Nähkästchen…

Ich habe drei wundervolle Kinder. Alle drei sind völlig unterschiedlich, haben verschiedene Interessen, verschiedene Charaktere. Und alle drei sind auf ihre ganz eigene Art und Weise ganz wunderbare Kinder. Sie wurden alle drei gleich „erzogen“ – oder eben auch nicht erzogen. Ich habe mal jemandem auf die Frage, wie ich so tolle Kinder hinbekommen habe, geantwortet: „Sie sind schon so toll geboren! Ich habe einfach nicht versucht, sie zu verändern oder zu erziehen!“ Und das meinte ich auch so.

Alle drei Kinder durften stillen, so lange sie wollten. Sie durften im Familienbett schlafen, bis sie bereit waren, in eigenen Betten die Nacht zu verbringen. Alle drei wurden gegen ihren Willen zu nichts gezwungen. Sie durften zum Beispiel selbst entscheiden, wann sie selbstständig genug waren, in den Kindergarten zu gehen und auch dort zu bleiben. Interessanterweise waren alle drei Kinder im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern in vielen Bereichen sehr früh selbstständig und auch sehr selbstbewusst. Sie waren alle drei so ziemlich die ersten, die auch ohne Mama bei Freunden bleiben konnten für einen Nachmittag – so kommt es, dass sie heute noch eher „Weggeh“-Verabredungen treffen als dass Kinder zu uns kommen.

Alle drei Kinder wurden gleich behandelt, gleich geliebt, gleich umsorgt. Und doch haben sie sich unterschiedlich entwickelt, weil sie nun mal individuell sind. Und, ganz ehrlich, das ist auch gut so.

Ich habe immer versucht, die Bedürfnisse meiner Kinder so gut es geht zu erfüllen. Das war nicht immer leicht. Meine Kinder sind sehr nah beieinander, der Altersabstand ist sehr gering. Als meine Älteste gerade 3,5 Jahre war und im Kindergarten gerade alle Kinder ein kleineres Geschwisterchen bekamen, bekam sie bereits das zweite kleine Geschwisterchen. Vor allem die ersten Jahre waren unglaublich schwer und arbeitsreich. Ich würde es aus heutiger Sicht immer wieder genau so machen, denn auf diese ersten Jahre folgen nun sehr entspannte Jahre – relativ gesehen. Dennoch: Es war hart! Oft war ich verzweifelt. Lange Zeit habe ich mich selbst neben den Kindern beinahe vergessen. Es gab viele Tage, an denen ich nur aufstand, weil die Kinder in den Kindergarten oder die Schule mussten. Ich war fertig, körperlich und seelisch! Aber das alles war es wert, auch das muss mal gesagt werden. Es war absolut jede einzelne durchwachte Nacht wert. Jede Fahrt ins Krankenhaus. Jeden halben Nervenzusammenbruch. Und irgendwie irgendwann schaffte ich es auch, wieder weniger depressiv zu sein und mein Leben wieder mehr zu geniessen.

Auch heute noch fordern mich meine Kinder. Und auch heute noch bin ich jederzeit, Tag und Nacht, für sie da und erfülle ihre Bedürfnisse. Nein, das darf man nicht verwechseln mit dem Erfüllen sämtlicher Wünsche. Das mache ich auf gar keinen Fall, denn das sehe ich nicht ein und halte es auch nicht für sinnvoll. Als Mutter erkenne ich aber ihre Bedürfnisse, also die WIRKLICHEN Bedürfnisse und erfülle sie, weil es für mich das natürlichste auf der Welt ist.

Dabei müssen meine Töchter sehr oft zurückstecken, da mein Sohn sehr viel mehr Aufmerksamkeit braucht und beansprucht als sie. Er schafft es einfach nicht, die Sachen für die Schule selbstständig zu machen. Vielleicht ist das sein Weg, gegen die Schule zu protestieren, ich weiß es nicht. Für mich heißt das aber, dass nahezu meine gesamte Energie für diesen Kampf mit ihm draufgeht. Jeden Tag ist es der gleiche Kampf. Mach deine Hausaufgaben! Pack deinen Ranzen! Ich habe es – ganz entgegen aller guten Vorsätze – mit Drohungen versucht, mit Belohnungen, mit Bestrafungen, mit Hilfe, mit Vertrauen in seine Selbstständigkeit. Nichts, aber auch wirklich gar nichts scheint zu helfen.

Selbst wenn ich daneben stehe, wenn er seinen Ranzen packt und aufpasse, dass alles für den kommenden Schultag darin landet, schafft er es auf wundersame Weise, sogenannte Kürzel für vergessenes Material zu bekommen. Selbst wenn ich neben ihm stehe, wenn er seine Hausaufgaben macht und sowohl die Lehrer als auch ich abhaken, dass er aufgeschrieben hat, was er zu machen hat und dass er das auch gemacht hat, schafft er es irgendwie, Kürzel für vergessene Hausaufgaben zu sammeln.
Er ist vergesslich, er passt nicht auf, er wird seinem Potential nicht gerecht. Das höre ich nun seit fünf Jahren und seit dieser Zeit arbeite ich auch mit ihm daran. Ich war bei verschiedensten Stellen, die Hilfe versprachen: bei diversen Psychologen, bei der Ergotherapie, bei der Spieltherapie, bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle, bei der Schulsozialarbeiterin – kurz: bei Hinz und Kunz verbrachten wir unsere Nachmittage. Oftmals die Mädels im Schlepptau, wenn ich keinen Babysitter hatte. Seit Jahren dreht sich alles um meinen überdurchschnittlich begabten Sohn, weil er einfach nicht in die Schule zu passen scheint. Und seit Jahren geht meine gesamte Energie in diesen Kampf, dieses Kind für das „System“ passend zu machen. Viele tausend Mal habe ich mich in diesen Jahren gefragt, was ich falsch gemacht hab. Viele tausend Mal habe ich an mir gezweifelt. Viele tausend Mal habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass dieser Kampf ein Ende hat.

Gestern musste ich mir nun vorwerfen lassen, ich kümmere mich zu wenig um meinen Sohn. So ein Vorwurf sitzt tief, wenn eine andere Person (auch noch eine, die selber Mutter ist!) einem sagt, man sei eine schlechte Mutter. Denn genau das heisst es doch übersetzt: Du kümmerst dich zu wenig! = Du bist eine schlechte Mutter!

Die Frau, die mir diesen Vorwurf machte, kennt mich nicht persönlich. Also, klar kennen wir uns persönlich, aber eben so, wie man die Verkäuferin beim Bäcker kennt oder den Mann, der einem die Post bringt. Sie kennt unsere Familie nicht, war nie bei uns zu Hause, hat nie mehr als 30 Minuten mit mir verbracht. Und doch wirft sie mir vor, ich müsse mich mehr kümmern. Ganz ohne Einblick in unser Familienleben zu haben. Ganz ohne zu wissen, wie wir hier arbeiten und welchen Kampf ich hier jeden Nachmittag habe.

Ich müsse mich mehr kümmern.
Wie kommt sie darauf? Warum kann sie aus dem wenigen, was sie weiß, einfach schliessen, ich kümmere mich nicht ausreichend? Warum fällt sie als völlig fremde Person so ein Urteil über mich? Rechtfertigt der Zusatz „das sehen auch meine Kollegen so“ dieses Urteil? (Nur, weil alle in der Baustelle zu schnell fahren, ist es nicht plötzlich erlaubt, schneller als angegeben zu fahren.) Was genau erwartet sie eigentlich, wie viel mehr ich mich noch kümmern sollte? Wie viel mehr kümmern ginge noch, ohne völlige Selbstaufgabe – und die kann schließlich auch nicht im Sinne der Person sein, die mir das gesagt hat?

Wenn jemand das Recht hat, mir zu sagen, ich müsse mich mehr kümmern, dann sind das in meinen Augen vor allem meine Töchter. Die beiden tollen Kinder, die sich mit dem Leben nicht halb so schwer tun wie mein Sohn, und die deshalb immer wieder zu wenig von meiner Aufmerksamkeit bekommen, weil er einfach so viel von meiner Aufmerksamkeit braucht. Wer mich und meine Familie kennt, weiß, wie sehr ich mich kümmere, wie nah mir das alles geht, was bei meinem Sohn nicht so läuft, wie man es sich als Mutter nun einmal erhofft. Nur derjenige darf sich ein Urteil erlauben.
Alle anderen bitte ich inständig, ihr Urteil zu überdenken und zu hinterfragen, ob das Urteil gerechtfertigt ist und nicht vielleicht zu kurzfristig gefällt wurde.

Alles in allem bin ich unglaublich zufrieden mit der Entwicklung, die mein Sohn in den letzten Jahren durchgemacht hat. Wer ihn schon länger kennt, ist immer wieder erstaunt, wie positiv er sich entwickelt hat. Er ist so viel ruhiger geworden. Er ist so viel weniger aggressiv. Er ist inzwischen so angepasst und brav und „handzahm“, wie ich ihn mir vor ein paar Jahren kaum hätte vorstellen können. Und ich schätze mal, er wird in den kommenden Jahren noch viel toller werden, als er jetzt schon ist. Seine positive Entwicklung wird sich fortsetzen und das, was jetzt noch als „Problem“ erscheint (auch wenn es, ehrlich gesagt, mehr ein Problem der Schule ist als meines), wird sich „verwachsen“, wie man so schön sagt.
Wer meinen Sohn allerdings nur jetzt kennt, nur diesen winzigen Ausschnitt aus seinem Leben, der hält ihn für einen zwar netten, aber schwer zu zügelnden Jungen und urteilt vielleicht eben vorschnell.

Grundsätzlich gebe ich nicht viel auf solche Urteile, die in völliger Unwissenheit der Situation gefällt wurden. Allergisch reagiere ich aber darauf, wenn mir jemand sagt, ich  sei eine schlechte Mutter, denn dieses Urteil trifft tief. So wie auch niemand hören möchte, dass er in seinem Beruf schlechte Leistungen bringt, wenn das gar nicht stimmt, möchte auch ich das nicht in meinem Beruf als Mutter. Und erst recht nicht von Menschen, die das eben gar nicht beurteilen können. Ich sag ja auch nicht einfach zu jemandem „Sie sind eine schlechte Lehrerin“ oder „Sie sind ein schlechter Bäcker“…

 

Veröffentlicht von Bianka

Bianka Bensch, 38 Jahre alt, schreibt als leidenschaftliche Bloggerin neben Attachment Parenting unter anderem einen privaten Blog und den Firmenblog eines Auftraggebers. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten draussen in der Natur mit ihren drei Kindern und ihrem Hund.

5 Kommentare

  1. Meine Tochter ist ähnlich wie Dein Sohn. Ich habe das Problem, dass sie mir vorwirft, ich kümmerte mich zu wenig um sie. Das tut auch so weh! Ich mach mir um kaum einen Menschen mehr Gedanken als um sie. Sie ist vor einem Jahr große Schwester geworden, und der Schock, mich „teilen“ zu müssen, sitzt immer noch tief bei ihr. Zumal die Kleinere Schlafprobleme hat. Und sie jetzt natürlich auch wieder…. Dabei arbeite ich schon extra von daheim aus. Ich bin für meine Kinder da, aber anscheinend ist es immer noch nicht genug… :((

  2. Liebe Bianca,

    für mich ist dieses Thema leider auch gerade aktuell. Und ich habe auch ganz schwer daran zu knabbern. Ich finde es überaus verletzend, wenn andere Menschen darüber urteilen, ob wir unsere Kinder richtig erziehen oder nicht.
    Wer hat das Recht dazu? Was bietet die Grundlage für die Beurteilung?
    Ob ein Kind in das Schulsytem passt oder nicht? Und wenn es ins System passt, stellt sich ja immer noch die Frage wie gut passt es ins System? Gymnasium? Realschule? Mittelschule?
    Problematisch wird’s dann, wenn Du Dich traust, aus diesem System auszubrechen.
    Oder wenn Du in Deiner eigenen, ganz individuellen Art damit umgehst.
    Dadurch bekommt das scheinbar sichere Netz Löcher und dann ist es plötzlich für alle nicht mehr ganz so sicher. Das macht Angst!
    Und wer ist jetzt Schuld an den Löchern im Netz? Du weisst wer es aus der Sicht der Person die Dir diese Vorwürfe macht ist, oder? Deshalb fängt sie an sich zu wehren und um sich zu schlagen.
    Was will die Person damit bezwecken, wenn sie Dir gegenüber so eine Aussage macht. Sie will erreichen, dass auch Du selbst unsicher wirst und die Löcher im Sicherheitsnetz schnell wieder stopfst.
    Aber ich glaube nicht, dass Du es wirklich wieder schließen möchtest, denn außerhalb des Netzes gibt es einen unendlichen Ozean von Möglichkeiten.
    Also, lass Dir nicht Deine Energie rauben, sondern bleibe weiterhin offen und neugierig und vor allem vertraue Deinem eigenen Gefühl. Denn das ist immer noch der beste Erziehungsratgeber für Dich und Deine Kinder. Auch wenn das manchen Personen nicht passt!

    Liebe Grüße
    Andrea

    • Wenn jemand so etwas zu mir sagen würde, wäre ich auch sehr verletzt. Oft kommen solche Sprüche von Lehrern, die selber (noch) keine Kinder haben. Ich möchte nicht wissen, was ich irgendwelchen Müttern in der Schule (bin Grundschullehrerin) erzählt habe als ich noch keine Kinder hatte. Aber so etwas Verletzendes hätte ich nie gesagt.
      Mein Sohn ist manchmal auch sehr individuell, aber ich kann ihn nehmen so wie er ist. Ich habe es satt, wenn sich ständig Menschen einmischen und meinen, man müsste seine Kinder anders erziehen. Bei mir sind es meine Eltern und leider auch mein Bruder (Kinderpsychologe). Und natürlich meinen alle Leute, dass er es wissen müsste und mein Sohn wirklich schlecht erzogen ist. Aber auch mein Bruder hat keine Kinder und wird bestimmt alles noch anders sehen.

  3. Willkommen bei den perfekten Müttern.
    Du bist genau richtig, wie Du bist und Deine Kinder sind auch genau richtig, wie sie sind.
    Keiner von Euch möchte Euch anders haben, oder?
    Also seid Ihr perfekt!

  4. Pingback: Wahrheiten, die niemanden verärgern, sind meist nur halbe | Blog77.net

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